Ästhetisch Forschen
“Erfahrung schließt die Beweglichkeit des Leibes ein, Erfahren ist eine Tätigkeit. Erfahren bedeutet aber auch Erleiden, indem sie aus einer Begegnung mit dem Fremden, Unbekannten und anderen resultiert. Daher hat sie es mit Widerstand, der Widrigkeit der Dinge zu tun.”
Mit Ausstellungsstücken ins Gespräch kommen
Streusandbüchse, Goldrubinglas, Potsdamer Stange, Brakteaten … seltsame Namen, geheimnisvolle Gegenstände und ihre Geschichte(n) bevölkern das Brandenburg Museum für Zukunft, Gegenwart und Geschichte in Potsdam: bist du neugierig wie ein Kind?
Das Netzwerk “Kultur.Forscher!” lädt ein und viele kommen: Alumni, Studierende, Stiftungen, Lehrende, Kulturinstitutionen, Kunst- und Kulturvermittler:innen aus ganz Deuschland sind der Einladung zur kreuz&quer-Tagung im Mai 2025 nach Potsdam gefolgt. Das bundesweite Programm stärkt Kulturelle Bildung an Schulen durch forschendes Lernen – im Dialog zwischen schulischen und außerschulischen Partnern.
Heute wird die Kooperation der benachbarten Voltaireschule und dem Brandenburg Museum anhand eines Schüler:innen-Projektes vorgestellt. Alle Anwesenden sind eingeladen, selbst zum Kind zu werden und in der Ausstellung ästhetisch zu forschen. Aber wie geht das genau?
100 Fragen an ein Objekt: Geschichten entstehen …
Forschungsfragen legen Spuren für die Teilnehmenden und wir durchlaufen denselben Prozess wie die Schüler:innen. „Schau dich in Ruhe in der Ausstellung um und warte darauf, dass dich ein Ausstellungsobjekt besonders ‚anspricht‘, weil es dir spontan gefällt oder eine besondere Erinnerung bei dir auslöst oder dich außergewöhnlich irritiert oder dich ungewöhnlich stark abstößt“.
So starten wir in die Ausstellung und die Fülle an Exponaten und Erklärungstafeln macht die Auswahl erst einmal schwer. Aber irgendwann bleibe ich dann doch an einer Vitrine stehen. „Nimm dir Zeit für dieses Objekt und betrachte es aus unterschiedlichen Perspektiven ganz genau. Fertige eine Skizze an. Stelle Fragen an das Objekt“.
Ich habe mich für einen tiefdunkelroten „Rubinglasbecher“ aus dem Jahr 1680 entschieden. Ist da echter Rubin drin? Ist das Glas? Woher kommt die Farbe? Wie ist es, wenn man daraus trinkt? Ist der Becher schwer oder leicht? Wem hat er gehört, wer hat daraus getrunken? Wie kam er ins Museum? Nicht ganz 100 Fragen, aber doch eine ganze Menge, was mir so spontan in den Kopf kommt.
… zuerst im Austausch und auf dem Papier …
In der nächsten Phase können wir uns mit anderen austauschen und Schreibideen entwickeln, die auf dem Papier zu einem Monolog, Dialog, Gedicht, Tagebucheintrag oder Brief werden können.
Leichte Technik-Schwellenängste sind vorhanden, als wir zu einem professionellen Voice Recorder greifen sollen. Es siegt die Abenteuerlust.
Zum Schneiden mit dem kostenlosen Programm audacity reicht die Zeit nicht mehr. Auch nicht für besondere Geräusche oder Hintergrundmusik. Aber das lässt sich dann später daheim erforschen.
… und werden schließlich zum Hörspiel.
Hier könnt ihr meine Geschichte hören:
Win-Win-Win?
Kristian Petschko, Leiter der Vermittlung am Brandenburg Museum, erzählt in der Abschlussrunde offen über die Zusammenarbeit mit der Voltaireschule. Von seiner anfänglichen Skepsis in bezug auf das Hörspiel-Projekt und wie begeistert er danach von den Ergebnissen war. Nicht nur begeistert, sondern wirklich beeindruckt und auch berührt. Er gab auch ehrlicherweise zu, dass ihm der Faktencheck zum Abschluss wichtig war - schließlich geht es ja um historische Sachverhalte.
Für die Voltaireschule mit ihrem Profil “Ästhetische Bildung” und dem eigenen Unterrichtsfach “Werkstatt Ästhetische Horizonte” (WÄH) ist Kooperieren mit verschiedensten Kulturinstitutionen quasi Alltagsgeschäft. Und die kurzen Wege im Zentrum von Potsdam erleichtern und unterstützen diese Zusammenarbeit(en) vor Ort, z.B. mit fabrik, Rechenzentrum, Filmmuseum, Brandenburg Museum, freiLand, Lindenpark. Hier ist man definitiv gut vernetzt in Sachen Kultur.
Und “Win” auch für die Gäste der Tagung, für mich, denn die eigene Erfahrung ist essenziell.